Senkblei

Kurfürstendamm 68, das ehemalige Alhambra Kino. Wir sind immer schon an diesem Haus vorbeispaziert. Wir waren Anfang des letzten Jahrhunderts hier, als der Bau in Gestalt eines niedrigen, neobarocken Palais das Licht der Welt erblickte. Wir kamen um 1929, als man das Gebäude um drei Geschosse aufstockte, verbreiterte und die Fassade durch einen neusachlichen Entwurf ersetzte. Wir bekamen auch die Beschädigung im Krieg und den Wiederaufbau 1949 in reduzierter Form mit. Genauso machten wir uns auf den Weg hierher, als der postmoderne Umbau zur abstrakten Kollage abgeschlossen war, die sich alle Mühe gab, der komplexen Geschichte des Bauwerks gerecht zu werden. Und wir stehen jetzt hier und blicken auf die Säulen, Kapitelle und Ziervasen, die sich nach 90-jähriger Abwesenheit wieder am Bau zeigen.

kurfürstendamm 68

Was will uns diese vermeintliche Rekonstruktion bedeuten? Sicher sind wir uns nur, dass sie allem Anschein zum Trotz nicht jene originäre Fassade darstellen will, in deren Gewand sie sich kleidet. Denn alles, was am Original besonders war, fehlt der Kopie. Vor allem fügte sich das Vorbild nur unter Vorbehalt in den Blockrand ein. Um die Illusion eines freistehenden Körpers zu erzeugen, traten die äußersten Fensterachsen, die außer den Toren nur je ein Blindfenster enthielten, hinter die Gebäudeflucht zurück. Außerdem endeten sie unterhalb des Mezzaningeschosses, was es ermöglichte, dem Bau ein Walmdach aufzusetzen. Einen romantisch gestimmten Spaziergänger konnte dieser Anblick auf die Idee bringen, dass hier ein altes, ehrwürdiges Herrenhaus von den urbanen Ausdehnungen eingeholt und verschluckt wurde.

Nichts davon ist am gegenwärtigen Bau zu vernehmen. Stattdessen wurden die Blindfenster aufgebrochen, der Sockel vereinheitlicht und die Gesimse über die volle Breite der Fassade geführt, wodurch das Gebäude entgegen seiner Anlagen der Gewalt des Blockrands unterworfen wird. Und da man auf die Aufstockung aus den Zwanzigerjahren nicht verzichten wollte, wurde diese mit Glas verhängt, was sie zwar auf den Renderings annähernd zum Verschwinden bringt, in der Realität aber umso kontrastreicher ausstellt. So entsteht ein Bruch zwischen dem Neuen und dem vermeintlich Alten, der vollkommen virtuell ist, da ihn nicht die Zeit geschaffen hat, sondern ein nach den beliebigsten Zeichen der Zeit dürstender Zeitgeist.

Vor allem der Vergleich mit dem postmodernen Vorgänger verdeutlicht die Wirkungsweise der neuen Fassade. Anstatt sich für einen der vergangenen Entwürfe zu entscheiden und diesen zu rekonstruieren, thematisierte dieser den historischen Bruch, der sich der Darstellung entzieht, weil er nicht in den einzelnen Entwürfen zu finden ist, sondern allein zwischen ihnen. Dazu legte er die Rudimente zweier zerstörter Fassaden wie archäologische Schichten in seinem Mauerwerk frei. Dort fanden sich zwei abstrakte Rechtecke: ein vom historistischen Palais abgeleitetes graues, das hochkant stand und dem in Anlehnung an das Walmdach ein ähnlich dimensioniertes Flugdach aufsaß und ein rotes, horizontal gelagertes, das wie die Fensterbändern ähnelnden Faschen der neusachlichen Fassade entlehnt war. Durch dieses Verfahren der Überblendung lenkte der Bau unseren Blick nicht auf die konkreten Einzelformen seiner Vorgänger, sondern auf die Umbrüche, die den Verlust einer jeden Fassade befördert haben. So eröffnete sich im Wechselspiel der abstrakten Formen ein Zwischenraum, in den wir nicht nur die Brüche unserer eigenen Biografien projizieren konnten, sondern in dem momenthaft auch die zerstörerische Geschichte des 20. Jahrhunderts aufschien. Im Gegensatz zu alledem schmückt sich die gegenwärtige Fassade, insofern sie sich gänzlich im Konkreten verliert, nur noch mit dem Anschein von Geschichte.

Je länger wir uns aber mit dieser neuen Fassade beschäftigen, desto mehr Sympathie haben wir für das ihr zugrunde liegende Verfahren. Denn was ist hier eigentlich passiert? Demütigst hat der Bau in seiner Geschichte nach Formen gekramt und sie sich ins backsteinerne Fleisch gerammt, nur um dem Zeitgeschmack zu gefallen. Damit begann ein Spiel, das nie ein Ende finden kann. Hat sich ein Bau einmal auf das Wettrennen mit der Mode eingelassen, wird er nicht anders können, als auch jeden künftigen Wandel mitzumachen. Und so sehen wir aus nicht allzu ferner Zukunft einen Trupp munterer Handwerker anrücken, die mit schwerem Gerät tiefe Rillen in den Bauschmuck reißen, in die sie die altbekannten Rahmen des neusachlichen Entwurfs einlassen. Wir sind zuversichtlich, dass uns diese Kollage aus rot zerklüfteten Säulen und gebersteten Gesimsen wieder so zum Staunen bringen wird wie der Neubau vor über hundert Jahren, der sich mit einer ähnlich widerspenstigen Geste der Einreihung in den Blockrand widersetzte. Bis dahin wenden wir uns ab von diesem Haus. Es bleibt die Einsicht, dass die Geschichte mancher Gebäude so tief in die Zeit hinabreicht, dass sie sich als Archiv für alle künftigen Umbauten genügen.

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