Auf Grund gelaufen

Seit ein paar Wochen wartet ein neuer Ozeanriese im Trockendock an der Stralauer Allee auf seinen Stapellauf. Im Kontext eines Berlins, das sich entschlossen hat, wieder steinern zu werden, geht eine angenehme Leichtigkeit von ihm aus. Denn wenn er die hohe See auch nie selbst erspüren wird, transportiert er doch etwas von ihrer Frische ins ausgetrocknete Berlin. Fast scheint es dadurch so, als läge unser an metaphorischen Inseln reiches Spree-Atoll tatsächlich auf halbem Weg nach Java.

Stralauer Allee 13-14

Der Investor gibt sich auf seiner Webseite alle Mühe, die auf den Namen Wave getaufte „Superyacht“ von Graft als zeitgenössisches Architekturspektakel zu vermarkten. Dabei ähnelt das Gebäude aus der Ferne jenen klassischen Ozeandampfern, die seit der Frühphase der Moderne die Architektur inspirierten. Allein der Kontext irritiert: In den Zwanzigerjahren waren die Dampferanleihen universell einsetzbare Motive, mit denen sich auch Häuser auf der Schwäbischen Alb und in der Oberlausitz der modernen Bewegung zuordnen ließen. Heute beschränken sich die maritimen Zitate auf urbane Wasserlagen, wo sie eine globalisierte Fließbandarchitektur im regionalen Umfeld verankern sollen. Scheinbar hat sich die Funktion der Schiffsmetaphorik in der Architektur in nicht einmal hundert Jahren komplett gewendet: Während sie das Bauwerk einst aus seiner regionalen Tradition herauslöste und auf die internationale Moderne verwies, stellt sie in unseren globalisierten Großstädten einen hilflosen Versuch dar, lokale Identitäten auszubilden.

Wenig am Wave erinnert an das Plädoyer Le Corbusiers, die neue Architektur nach dem Vorbild von Ozeandampfer zu gestalten:

Ein ernsthafter Architekt, der als Architekt (Schöpfer von Organismen) einen Ozeandampfer betrachtet, wird in ihm die Befreiung von jahrhundertelanger, fluchtbeladener Knechtschaft erkennen.

Er wird den Respekt vor den Naturkräften dem trägen Respekt vor den Traditionen vorziehen und die Großartigkeit der Lösungen für ein richtig gestelltes Problem der Kleinmütigkeit mittelmäßiger Einfälle; es sind Lösungen, die dieses Jahrhundert der großen Anstrengungen mit diesem Riesenschritt nach vorn gefunden hat. Das Haus der Landratten ist Ausdruck einer veralteten Welt von kleinem Ausmaß. Der Ozeandampfer ist die erste Etappe auf dem Weg zur Verwirklichung einer Welt, die dem neuen Geist entspricht. (Ausblick auf eine Architektur, 1922)

In diesem Auszug ist noch nicht die Rede davon, die Architektur formal Schiffen anzugleichen. Vielmehr versteht Le Corbusier den Ozeandampfer in seiner lösungsorientierten Funktionalität, seinem Bruch mit der Tradition und seiner schieren Größe als beispielhaft für die Architektur. Dessen ungeachtet wird sich die Stilistik der Schifffahrt nur wenige Jahre später als Sprache der architektonischen Moderne etabliert haben. Dies zeigt sich nirgendwo so deutlich wie in den Gebäuden Hans Scharouns, der das Haus der Landratten mit Bullaugen, Laubengängen, Fallreepen, Relings und außendeckähnlichen Balkonen hochseetauglich machte.

Es fällt nicht schwer zu verstehen, warum der Ozeandampfer eine derartige Strahlkraft auf die Moderne ausübte. Vor allem in seiner reduzierten, den Aufbruch verheißenden Symbolik zeigt er sich als wesensverwandt mit jenen liberalen Kräften der Weimarer Republik, die politisch-gesellschaftliches Neuland ansteuerten. Dieser Haltung entsprechend löste die Dampferästhetik die modernen Bauwerke aus ihrem lokalen Kontext, woraufhin sie schon bald wie in See stechende Schiffe vom Geist einer neuen, allein in ihren Umrissen erkennbaren Epoche umspült waren.

Doch regten sich bereits früh Zweifel an der Standhaftigkeit dieses minimalistischen Symbolprogramms, so z.B. bei Ernst Bloch:

Heute sehen die Häuser vielerorts wie reisefertig drein. Obwohl sie schmucklos sind oder eben deshalb, drückt sich in ihnen Abschied aus. Im Innern sind sie hell und kahl wie Krankenzimmer, im Äußeren wirken sie wie Schachteln auf bewegbaren Stangen, aber auch wie Schiffe. [Als solche haben sie] Lust zu verschwinden. Ja, die Feinfühligkeit der westlichen Architektur geht so weit, daß sie ziemlich lange schon, auf Umwegen, den Krieg witterte, der das Hitlerische ist, und sich auf ihn bereitete. (Das Prinzip Hoffnung, 1959)

Für Bloch, der an jeder Utopie stets das Konkrete herausstellte, erschöpft sich das maritime Aufbruchsgebaren der modernen Architektur im Allgemeinen. Weder stellt die Schiffsästhetik das Ziel der Reise aus, noch klärt sie deren Modalitäten. Stattdessen hängt die Aufbruchssymbolik an der allzu fragilen Verfassung der Weimarer Republik, deren Zusammenbruch sie nicht überdauern konnte. In Anbetracht der nationalsozialistischen Bedrohung wurde der modernen Architektur die Unterdetermination ihrer Formen zum Verhängnis. Anstatt mit einem konkreten Programm gegen den Feind anzustrahlen, verkehrte sich ihre Symbolik in ein Fluchtmotiv.

Vielleicht lässt sich die Geschichte der Weimarer Republik nicht pointierter erzählen als mittels dieser symbolischen Kippfigur, in der sich Aufbruch und Flucht gegenseitig durchdringen. Retrospektiv betrachtet scheint es so, als habe die Dampferästhetik der modernen Architektur von Anfang an die Evakuierung des europäischen Kontinents antizipiert. Gleichzeitig transportiert sie bis heute das Bild eines immerwährenden Neuanfangs.

Die Luxuswohnungen von Graft scheint die Spree von dieser inneren Spannung reingewaschen zu haben. Das zeigt sich bereits an der Herleitung ihrer Formensprache. So hat das Wave kein Interesse daran, sich die semantische Ungebundenheit der Hochseeschiffe anzueignen. Vielmehr möchte es mit Hilfe der Schiffsanleihen eine starke lokale Identität ausbilden, um sich neben ähnlich ausgestatteten Wohnungen auf dem Immobilienmarkt behaupten zu können. Dazu stellt das Gebäude mit seiner maritimen Ästhetik einen maximalen Ortsbezug zum Areal des Osthafens her. Auf ihrer Webseite gehen die Architekt*innen sogar so weit, der Spree eine Mitautorschaft an der Konfiguration des Gebäudes zuzusprechen:

Der Entwurf ist maßgeblich durch den Standort am Wasser und die Blickbeziehungen von innen nach außen bestimmt. Das gestalterische Leitbild des Projekts ist das Ausspülen eines streng dem städtebaulichen Raster folgenden Gebäudekomplexes durch die Spree. […] Eine Interpretation der Wasserbewegungen findet sich in der schwingenden, organischen Fassade wieder. Durch diese formale Transformation vermitteln die Häuser zwischen dem Wasser der Spree und der städtisch kubischen Sprache an der Stralauer Allee.

Nichts in dieser Beschreibung erinnert daran, dass die Schiffssymbolik einst als Motiv des Aufbruchs Eingang in den Kanon der architektonischen Stilmittel fand. Denn anstatt sich aufs Ablegen einzustellen und die symbolischen Leinen zu seinen Nachbarn zu kappen, versteht sich das Wave gerade als Vermittler zwischen der Spree und der angrenzenden Blockrandbebauung. Folglich hat es kein dringlicheres Ziel, als sich vollständig in seinem Kontext zu verankern.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass die Ideale und Ambitionen der Moderne irgendwann über Bord gegangen sind, während ihre Ästhetik in Gebäuden wie dem Wave, geläutert durch die Mechanismen des Marketings, ein geisterhaftes Nachleben angetreten hat. In Anbetracht der komplett verkehrten Wirkungsweise des maritimen Bildprogramms stellt sich jedoch eher die Frage, ob die Architektur von Graft überhaupt eine Beziehung zur Moderne unterhält. Scheint es nicht plausibler, dass letztere irgendwann auf Grund gelaufen ist, dass ihre Zeugnisse seitdem langsam vom Rost zerfressen werden, wohingegen das Wave bereits einer neuen, einer eigenständigen Tradition angehört? Dies würde zumindest erklären, warum es nirgendwo den verheißungsvollen Schimmer eines Geisterschiffes erkennen lässt, den das Nachleben der Moderne in seiner Gestalt bedeutete.

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