Schinkeldecker

Es gibt viele Gründe an den Platz der Luftbrücke zu kommen, wo die Geschichte des 20. Jahrhunderts eine ihrer rätselhaftesten Chiffren hinterlassen hat. Beiläufig betrachtet stehen sich hier die mit überhohen Kolossalsäulen ummantelten Torbauten Bruno Möhrings aus der finalen Phase der wilhelminischen Repräsentationsarchitektur und die nationalsozialistische Großform des Flughafens Tempelhof von Ernst Sagebiel isoliert gegenüber. Nur wer die räumliche Distanz zwischen diesen höchst unterschiedlichen Gebäuden überwindet, bemerkt das harmonische Ineinandergreifen ihrer gegenläufig geschwungenen Fassaden. So umschließt die konkave Rundung des Flughafenbaus die konvexen Wohnbauten wie ein Kugelgelenk. Es entsteht die Illusion, als sei der Nationalsozialismus dem Kaiserreich organisch entwachsen. Fast könnte man unter diesem Eindruck vergessen, dass Möhrings Gebäude der faschistischen Platzbebauung geopfert werden sollten. Der eigentliche Bezugspunkt, dem der Flughafen seine charakteristische Form verdankt, liegt heute hingegen im Verborgenen.

Platz der Luftbrücke

Ebenfalls im Verborgenen operiert das vergleichsweise unauffällige, leicht vom Platz abgerückte Hochhaus im Nordwesten. Zumindest fällt es zwischen seinen prominenten Nachbarn kaum auf. Dabei entstammen die drei weißen, über Eck gestellten Riegel unterschiedlicher Höhe dem umtriebigen Büro von Franz-Heinrich Sobotka und Gustav Müller, die in Werken wie dem goldenen Springer-Hochhaus (1966), dem Henry-Ford-Bau der FU (1954) oder dem kürzlich abgerissenen Schimmelpfeng-Haus (1955-60) am Breitscheidplatz wiederholt ihren Willen zur Ikonenbildung demonstriert haben. Am Platz der Luftbrücke übten sie sich hingegen in Zurückhaltung. Jedoch dürfte ebendieser Komplex von 1964 den fundamentalsten Eingriff der Architekten ins Berliner Stadtbild darstellen. Nur entfaltet sich seine Wirkung nicht in der Repräsentation, sondern im Unterbinden von Repräsentation.

Unmittelbar hinter dem Wohn- und Hotelbau erhebt sich der Kreuzberg, auf dessen Gipfel Schinkels Nationaldenkmal für die Befreiungskriege (1821) thront. Gewiss liegt der gotische Turm zu weit vom Platz entfernt, als dass sich von hieraus das Eiserne Kreuz an seiner Spitze erkennen ließe, dem Hügel und Bezirk ihren Namen verdanken. Trotzdem hätte das Denkmal als Blickfang wohl eine befriedende Wirkung auf die Atmosphäre des Platzes, der in Ermangelung einer klaren Gliederung vom irren Gewirr des Verkehrs eingenommen ist. Doch ist diese Sichtachse nachhaltig kontaminiert, denn das Nationaldenkmal liegt nicht zufällig in einer Flucht mit dem Vorhof des Flughafens. Vielmehr versuchten die Nazis durch die Einbeziehung des Denkmals in ihre Raumordnung, der urbanen Textur das Zerrbild einer nationalen Kontinuität im Städtebau einzuritzen.

Um diesen Zusammenhang herzustellen, hat sich das Rondell vor dem Flughafen im Zuge seiner Entwicklung weit vom typischen Entwurfsschema nationalsozialistischer Plätze entfernt. So sind diese überwiegend zu allen Seiten durch monumentale Architekturen abgeriegelt. Die unvollendet gebliebene Randbebauung Sagebiels hätte den Platz dagegen nur zu Dreivierteln umschlossen. An der nordwestlichen Öffnung war gegenüber dem Portal des Flughafens eine Wasserkaskade geplant, welche die Blicke der Reisenden zum Nationaldenkmal hinaufgeführt hätte. Die Intention dieser Inszenierung leuchtet ein: Bei ihrer Ankunft in der „Welthauptstadt Germania“ sollten die unterworfenen Völker auf die siegreiche Geschichte Deutschlands hingewiesen werden. Hierin liegt dann auch der Grund für die karge Ausgestaltung der Flughafenfassade, die sich zum Nationaldenkmal wie der Rahmen zu einem Bild verhält.

Auch im Hinblick auf Speers Germania-Plan ist die Bedeutung dieser Anlage nicht zu unterschätzen, bildet sie doch den zentralen Ankerpunkt, der die faschistische Stadterweiterung mit der urbanen Vergangenheit verkettet. So ist die Siegesallee, die Grundfigur des Germania-Plans, welche sich vom Spreebogen bis zum Südring erstrecken sollte, mehr schlecht als recht zwischen das alte Berlin und die jüngeren Westbezirke gequetscht. Dabei ignoriert sie den städtischen Kontext jenseits ihrer monumentalen Randbebauung weitestehend. Wo der Bestand in den Plan einbezogen wird, dient er allein der Verdeutlichung des neuen Maßstabs. In Relation zu Speers Kuppelhalle wirkt der ihr zu Füßen gestellte, winzige Reichstag wie ein Puppenparlament. In Abgrenzung dazu ist Schinkels Nationaldenkmal neben der Siegessäule eines der ganz wenigen historischen Artefakte, dem der Germania-Plan eine raumbildende Position zugesteht. Demnach stiften im faschistischen Städtebau einzig ein paar überlieferte Kriegsdenkmäler den Bezug zur deutschen Geschichte. Darin erweist sich die Raumordnung der Nazis als zutiefst fragil. Denn ihr nationaler Charakter währt nur so lange, wie der architektonische Zusammenhang an diesen prekären Punkten nicht infrage gestellt wird.

In Anbetracht der Instrumentalisierung des Nationaldenkmals muss es verwundern, dass die ideologisch aufgeladene Sichtachse am Flughafen die Herrschaft der Nazis um fast zwanzig Jahre überdauern konnte. Den US-Streitkräften, die das Gebäude in diesen Jahren nutzten, dürfte das feindliche Kriegsdenkmal ein Dorn im Auge gewesen sein. Jedenfalls wurde der Vorplatz des Flughafens 1951 zum Gedenkort an die Luftbrücke umgewidmet. Gleichermaßen ist es sicher kein Zufall, dass der Baubeginn des Hochhauses von Sobotka und Müller im Jahr 1962 erfolgte, just in dem Augenblick also, als die zentrale Abfertigungshalle für den kommerziellen Luftverkehr freigegeben wurde. Denn erst die restlose Tilgung des Nationaldenkmals aus dem Umfeld des Flughafens eröffnete die Möglichkeit einer pazifistischen Nutzung der nationalsozialistischen Architektur.

Aufgrund dieses Kraftakts ist es nicht übertrieben, das Hochhaus am Platz der Luftbrücke als eine der subtilsten politischen Interventionen im Urbanismus der Nachkriegszeit zu betiteln. Denn seine Wirkung ist derart nachhaltig, dass sie jegliches Bewusstsein für den räumlichen Zusammenhang an diesem Ort verdrängt hat. Nichts erinnert daran, dass der U-Bahnhof Platz der Luftbrücke bis 1937 nach dem angrenzenden Kreuzberg benannt war. Das Hochhaus hat eine Distanz zwischen Flughafen und Nationaldenkmal geschaffen, die in einem höchst surrealen Verhältnis zu deren geografischer Nähe steht. Wenn es stimmt, dass die SED die „Springerdecker“ entlang der Leipziger Straße bauen ließ, um den goldenen Zeitungsturm der Bild abzuschirmen, dürfte sie einen ganz ähnlichen Effekt intendiert haben. Mit Sicherheit ist es der zurückhaltenden Architektur von Sobotka und Müller geschuldet, dass mit dem Hochhaus am Platz der Luftbrücke gelang, was anderorts scheiterte.

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