Spielball (SPD I)

Bestimmt gibt es eine ganze Reihe von Publikationen, die sich mit der Beziehung zwischen der SPD und den Gewerkschaften befassen. Vielleicht skizzieren diese die Geschichte einer schleichenden Distanzierung der einstigen Verbündeten. Vielleicht stellen sie deren Entzweiung aber auch als durch die Agendapolitik provozierten, schockhaften Bruch dar. Wer in Berlin wohnt, muss kein Buch aufschlagen, um sich diese Entwicklung zu vergegenwärtigen. In der südlichen Friedrichstadt kann man ihr auch an der frischen Luft nachgehen, denn sie ist mit diesem Ort beinahe prophetisch verwachsen. So kommt man an manchen Ecken gar auf die Idee, dass das unstete Verhältnis der Institutionen nur ein Effekt der städtebaulichen Transformation dieser Region ist.

(Um zwischen den Zeitschichten nicht die Orientierung zu verlieren, empfiehlt sich ein Blick auf die Seite des Tagesspiegels: https://1928.tagesspiegel.de Hier lassen sich zwei Luftbilder aus den Jahren 1928 und 2015 sehr anschaulich miteinander vergleichen.)

Im Jahr 1912 bezog die SPD eine weitläufige Hofanlage in der südlichen Friedrichstadt. Den Kern des Areals bildete ein 1904 fertiggestelltes Geschäftshaus des Architekten Kurt Berndt. Man kann sich das labyrinthische Gebilde als Vorstudie zu Berndts Hauptwerk, den Hackeschen Höfen, vorstellen. Allerdings war die Parteizentrale nicht das Produkt einer minutiösen Planung. Vielmehr hatte die SPD beginnend mit der Lindenstraße 3 in rascher Folge eine Reihe benachbarter Gebäude angekauft, bis sich der riesige Komplex zur Alten Jakobstraße und zum Belle-Alliance-Platz erstreckte. Versucht man diese wenig kohärente architektonische Kollage symbolisch zu deuten, so erkennt man in ihr die steinerne Entsprechung einer Institution, welche unter Begleitung erheblicher Repressionen zur wählerstärksten Partei des Kaiserreichs angewachsen war.

Mehringplatz
Die zweite Gebäudereihe am Mehringplatz: in Höhe der Bäume dürften zwei Häuser der SPD gestanden haben

Wie um an die Verwobenheit dieses Ortes mit der Geschichte der SPD zu erinnern, wurde der Belle-Alliance-Platz 1946 nach dem sozialdemokratischen Publizisten und Lehrer Franz Mehring benannt. Auch wenn die geschlossene Randbebauung aus der Nachkriegszeit es nicht vermuten lässt, liegen die Ursprünge des Mehringplatzes weit vor der Gründung der SPD. Entstanden ist er in den 1730er-Jahren als eine von drei barocken Schmuckanlagen, mit denen Friedrich Wilhelm I. die Hauptachsen der spärlich bebauten Stadterweiterungen aufzuwerten versuchte. Zu diesen streng geometrischen Ensembles nach französischem Vorbild zählen außerdem der Leipziger und Pariser Platz.

Die einstigen Transitorte an den äußersten Rändern der Stadt entstammen einer Zeit, als Berlin noch von einer Zollmauer umgeben war. Wer die Stadt betreten wollte, musste dazu eines der 18 Tore passieren, von denen eines – das Hallesche – unmittelbar vor dem Belle-Alliance-Platz lag. Es war das Einzige im Süden der Friedrichstadt. Vor diesem Hintergrund lässt sich nachvollziehen, warum die barocke Planung sämtliche in nordsüdlicher Richtung verlaufenden Hauptstraßen an diesem Punkt zusammenlaufen ließen. Um 1900 hatte sich der Belle-Alliance-Platz dadurch jedoch zu einem der brisantesten Nadelöhre im Berliner Straßennetz gewandelt. Zu diesem Zeitpunkt lag das Rondell nicht länger am Rand einer langsam wachsenden Stadt, sondern im Zentrum einer Metropole, die dabei war, den Individualverkehr für sich zu entdecken. Nun ergoss sich der gesamte Verkehr der Wilhelm-, Friedrich- und Lindenstraße in den Platz, um anschließend über eine einzelne Brücke den Landwehrkanal zu queren.

Aus urbaner Perspektive befand sich die SPD-Zentrale Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts also in einem stark umkämpften Gebiet. Um diese Situation zu entschärfen, begann der Berliner Magistrat mehrere Entlastungstraßen in das barocke Straßenraster zu brechen. Bereits als die SPD ihr neues Gebäude bezog, war dieses von den einschneidenden Umbaumaßnahmen gezeichnet. Denn das Areal umfasste Teile eines Pferdestalls, der durch die Verlängerung der Alten Jakobstraße bis zur Gitschiner Straße um 1900 von der Garde-Kürassier-Kaserne abgetrennt wurde. Zuvor hatte sich der langgestreckte Militärbau von der Lindenstraße bis zur Alexandrinenstraße gezogen. Durch diesen Eingriff wurde eine erste Umfahrung des Belle-Alliance-Platzes geschaffen. Ab dem Jahr 1912 komplementierte die Zossener Brücke die Parallelführung des Verkehrs über den Landwehrkanal.

Diese Maßnahmen stellen den Auftakt zu einer umfassenden Neugliederung der Region dar, die erst in den Siebzigerjahren zu einem vorläufigen(?) Abschluss kommen sollte. Am Ende dieser Entwicklung steht der heutige Mehringplatz: ein durch drei konzentrische Gebäudeschalen vom Straßenverkehr abgeschirmter Raum, der häufig als Beleg für das Scheitern der Nachkriegsmoderne herhalten muss. Ignoriert wird dabei, dass sich die Planungen von Hans Scharoun und Werner Düttmann auf intellektuelle Vorleistungen aus dem Kaiserreich beziehen, welche dem Wettbewerb Groß-Berlin von 1910 entsprungen waren. Zeichnet man die Wandlung der Region von diesen Anfängen an nach, so erkennt man in den punktuellen Eingriffen eine Linearität, deren sukzessive Entfaltung über drei Staatsformen, zwei Weltkriege und die Teilung der Stadt hinaus einem Wunder gleichkommt. Im Zentrum dieser Entwicklung stand stets die Frage, wie dem Verkehrsaufkommen einer modernen Stadt beizukommen sei, ohne das Bedürfnis ihrer Bewohner*innen nach Freiraum und Erholung im Grünen einzuschränken.

Ein Randphänomen zu diesen Umbaumaßnahmen stellen die Versuche der SPD dar, in der südlichen Friedrichstadt Wurzeln zu schlagen. Dabei scheint jeder stadtplanerische Eingriffe sie davon abhalten zu wollen. Wie Spielbälle in den Wogen der Großstadt werden die Architekturen der SPD beschnitten, zerteilt, abgerissen und neuerrichtet, ohne dass der Partei ein Mitspracherecht eingeräumt wird. Nicht nur macht sie dies zur idealen Protagonistin, an der die Transformation des Gebiets an narrativer Form gewinnt. Auch lässt sich am Beispiel der SPD die schockierende Passivität würdigen, auf die man zurückgeworfen ist, wenn es die bewusstlose Allmacht der Stadt auf einen abgesehen hat.

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